Weil ich am Freitag wie gewohnt im Zug nach Marburg saß, konnte ich leider nicht die groß angekündigte Dokumentation zum Fall J.F.K. auf der ARD ansehen. Ich hatte schon verschiedene Artikel gelesen und war nun ziemlich gespannt auf das Ergebnis der internationalen Recherchen von Wilfried Hiusmann und seinem Team. Durch eine entsprechende Ankündigung nebst Interview im Spiegel war ich schon auf die gröbsten Neuerungen vorbereitet, die der Dokumentar zum Geschehen vor 42 Jahren präsentieren wollte.
Da ich leider nicht dazu gekommen bin, mir den Streifen persönlich anzusehen, verzichte ich hier auf Kommentare und gebe nur einen kurzen Eindruck und entsprechende Info-Quellen wieder:
Huismann geht es—kurz gesagt—darum, Lee Harcey Oswald als vom kubanischen Geheimdienst engagierten Killer zu präsentieren, der den amerikanischen Präsidenten töten sollte, damit dieser wiederum nicht in die Gelegenheit kommt, Fidel Castro umbringen zu lassen.In aller Vorsicht schreibt Jochen Bittner bei der Zeit unter der Rubrik „Verschwörungstheorien“ eine Art Revision zu Huismanns Film, den die ARD am 6. Januar 2006 ausgestrahlt hat. Er kommt zu dem Schluss, dass es dem Film—wie keinem anderen zuvor—gelingt, Lee Harvey Oswald in Verbindung mit dem kubanischen Geheimdienst G2 zu bringen. So wird er—wenn auch unfreiwillig—im kommunistischen Geheimdienstgerangel, zum nächst besten „passenden“ Sündenbock, für das Attentat und gleichzeitig zur Sackgasse für alle Ermittlungen.
Eine stringente Beweisführung, mit der zweifelsfrei belegt werden kann, dass es einen Auftrag zum Mord am amerikanischen Präsidenten vom G2 an Oswald gab, kann Bittner jedoch nicht bestätigen. Nils Minkmar erkennt in Huismanns Dokumentarfilm die Bemühung, konkrete Fragen zu stellen und einen Ausschnitt der Verwicklungen—Oswalds und des kubanischen Geheimdienstes— zu beleuchten und gleichzeitig eine Aktualisierung des Themas, ein in-Erinnerung-rufen des noch immer ungelösten Mordfalls J.F.K. zu leisten, wobei eine Wiederbelebung der Ermittlungen gelang. Huismann selbst sagt:
„So ein Thema, das kommt nie wieder. Das findest du nur einmal im Leben“ [10].
Sein Film arbeitet also—ob direkt oder indirekt—gegen das Vergessen an, gegen das Bequemmachen und Sich-Einrichten in der Nische, gegen die vage Erinnerung, die suggeriert, mit Lee Harvey Oswald sei der wahre Mörder gefunden und der Fall J.F.K. aufgeklärt. Sieht man sich die Indizien und Puzzelstücke des Geschehens an, ist der Mangel an Fakten sichtbar. Huismanns Film deckt—mehr oder minder freiwillig—die dürftige Beweislage auf und gibt damit den Anstoß zu Überlegungen—ganz im Gegensatz zu seinen Behauptungen—den Fall eben doch nicht als abgeschlossen zu den Akten zu legen.
Klaus Wiegrefe beschäftigt sich im Artikel „Steile These, schwache Belege“ ähnlich kritisch mit Huismanns Recherchen und den bereits vorhanden Erkenntnissen der Kennedy-Forschung. Nach Analyse und Kontextualisierung der vermeintlich neuen Erkenntnisse, die Huismanns Dokumentation zum Forschungsgegenstand Kennedy glaubt beisteuern zu können, kommt Wiegrefe zum selben Ergebnis wie Bittner: Suggestive Fragen und Filmmontagen können zu spektakulären Präsentationen verhelfen—sie machen Indizien aber nicht zu Beweisen und verleihen Vermutungen nicht den Status des Faktischen.
Um den Lesefluss nicht zu behindern, sind hier alle relevanten Links extra aufgeführt.
Quellen:
[01] Wilfried Huismann bei IMDb und Wikipedia
[02] Wikipedia: Attentat auf John F. Kennedy
[03] Wikipedia: Lee Harvey Oswald
[04] Wikipedia: Fidel Castro (Achtung dieser Beitrag ist momentan als nicht neutral eingestuft!)
[05] ARD/WDR-Website zur Sendung: Rendevous mit dem Tod—Warum John F. Kennedy sterben musste
[06] Zeit.de: Jochen Bittner „Ließ Castro Kennedy ermorden?“
[07] Jochen Bittners Weblog bei Zeit.de
[08] Theo Sommer zum 40. Jahrestag des Attentats auf J.K.F., Zeit.de: „Wir werden nie wieder jung sein“
[09] Privathomepage von Theo Sommer
[10] Nils Minkmar bei Spiegel online: „Befahl Castro den Mord an J.F.K.?“
[11] Klaus Wiegrefe bei Spiegel online: „Steile These, schwache Belege“
[12] In einem Spiegel online Interview mit Lamar Waldron hinterfragt Kirsten Grieshaber die Aufnahme des deutschen Films in der Diskussion der amerikanischen Kennedy-Forschung.
Was als Blick in die Forschungstradition und den Stand der aktuellen Diskussion vielversprechend beginnt, entpuppt sich—meiner Meinung nach—als PR-Maßnahme für ein kürzlich veröffentlichtes Buch von Lamar Waldron und Thom Hartmann: „Ultimate Sacrifice: John and Robert Kennedy, the Plan for a Coup in Cuba, and the Murder of JFK“. Da dieses Vorgehen respektive die Präsentation und Führung des Gesprächs hauptsächlich der Fragestellerin und nicht ausschließlich dem Befragten zuzuschreiben sind, muss es ja nicht gegen die Güte der im Buch präsentierten Fakten sprechen.
[13] Jefferson Morley bespricht das Waldron/Hartmann Buch bei FortWayne.com und bei der Washington Post
[14] Bernd Pickert interviewt Wilfried Huismann bei der taz: „Die Hauptfrage ist jetzt beantwortet“
[15] Severin Weiland befragt Wilfried Huismann im Auftrag des Spiegel online: „Nur einer konnte überleben“
Nachtrag 1: Im Blog zur Historischen Online Kompetenz wird die Berichterstattung zur Dokumentation ausführlich dargestellt und analysiert.
1. Amys Welt » Ich wurde gequotet!!!
18/01/2006 09:04 pm[…] Wer öfter mit liest erinnert sich vielleicht: Das Jahr war kaum eine Woche jung, das veröffentlichte die ARD eine Doku mit angeblich brandheißen Enthüllungen zum Fall J.F.K. . Ich hatte mir da ein guten Teil des Wochenendes Zeit genommen, mal einige Stimmen zusammenzufassen und das Thema zu beleuchten. […]
2. hist.net Weblog » Blog Archive » HOK: Fallstudie: “Rendezvous mit dem Tod” - Blogosphäre
14/12/2006 10:24 pm[…] Huismanns Film deckt – mehr oder minder freiwillig – die dürftige Beweislage auf und gibt damit den Anstoss zu Überlegungen – ganz im Gegensatz zu seinen Behauptungen – den Fall eben doch nicht als abgeschlossen zu den Akten zu legen. (amy, Amys Welt, 8.1.2006) […]